Turnverein Martinsthal wurde 1861 gegründet

 

1861 taten sich einige junge Männer aus Martinsthal – damals noch Neudorf – zusammen, um sich als Turner auszubilden und nach erlangter Körperfähigkeit eine Löschmannschaft zu gründen. Ihr Gesuch richteten sie an das Herzoglich Nassauische Amt zu Eltville.

 

Das Namensverzeichnis vom 3. September 1861 nennt acht Gründungsmitglieder: Wilhelm Eberle als ersten Sprecher, Peter Wilhelm als Turnwart, Peter Meth als Kassierer, und Heinrich Wilhelm, Peter Keßler, Martin Grundel, Wilhelm Meth und Heinrich Kopp. In Paragraph 1 der Satzung formulierten sie ihr Ziel: „Der Zweck der Neudorfer Turngesellschaft ist die körperliche und geistige Kraft, sowie den Bruder- und Gemeinsinn seiner Glieder zu heben, nach Möglichkeit auszubilden und eine Feuer-Wehr-Mannschaft zu organisieren.“ Die Turner wurden verpflichtet, an allen Turn- und Feuerwehrübungen teilzunehmen. Eine Chronik aus jenen Jahren liegt nicht vor. Lediglich ein Zeitungsausschnitt weist darauf hin, dass die Martinsthaler Turner 1862/63 an Turnfesten im Rheingau und in Schierstein teilgenommen haben.

1905 wurde erneut eine Gründungsversammlung für den Turnverein in Neudorf abgehalten und jahrzehntelang wurde dieses Datum als Gründungsjahr im Vereinsnamen aufgeführt, zunächst als Turnverein Neudorf 1905, der 1936 mit Umbenennung des Ortes in Martinsthal auch den neuen Namen annahm. 1988 tauchte dann im Hessischen Hauptstaatsarchiv in Wiesbaden die Gründungsurkunde von 1861 auf. Daraus geht hervor, dass das Gesuch der jungen Männer vom 31. Mai 1861 am 4. Juni positiv beschieden wurde. Die endgültige Anerkennung erfolgte am 5. September 1861 nach Einreichung aller erforderlichen Unterlagen. Das Gründungsdokument beweist, dass der Turnverein und die Freiwillige Feuerwehr Martinsthal gemeinsame Wurzeln haben, und beide Vereine haben ihr Gründungsdatum dementsprechend revidiert.

 

Im 20. Jahrhundert war es der erste Weltkrieg, der die hoffnungsvolle Wiederbelebung des Vereins und die regen Turnaktivitäten unterbrach. Fast alle aktiven Turner wurden eingezogen; sechs von ihnen verloren ihr Leben im Krieg. Die Vorsitzenden, die die Geschicke des Turnvereins von 1905 bis 1940 leiteten, waren Valentin Schreiber, Sebastian Kessler, Wendelin Rohrmann, Adolf Meth, Toni Nehrbauer und Josef Barbeler. Der zweite Weltkrieg markierte einen weiteren tiefen Einschnitt in das Vereinsleben. Die mühsam angeschafften Geräte gingen in dieser Zeit fast restlos verloren. Vor allem aber hatte der Verein wieder sechs seiner Turner zu betrauern, die als Soldaten ihr Leben ließen.

 

Eine überaus aktive Wiederbelebung erfuhr der Verein in den 1950-er Jahren durch einen neuen Vorstand, insbesondere durch Michael Utzig, der 1952 zum ersten Vorsitzenden gewählt wurde. Mit viel Herzblut hat er den Verein geführt, in den Protokollbüchern sorgfältig die Vereinsaktivitäten dokumentiert, Programme, Zeitungsausschnitte und Fotografien gesammelt. 1954 sind 127 Mitglieder namentlich aufgeführt, zuzüglich Ehrenmitglied Balthasar Schäfer.

 

Aufzeichnungen, Programme und Fotos aus jenen Jahren zeugen von einem harmonischen und unternehmungsreichen Vereinsleben: Schau- und Werbeturnen im Gasthaus zur Post mit 18 turnerischen Darbietungen und anschließendem Tanz, Elternabende mit Turnvorführungen, Maskenbälle, Teilnahme am Martinsthaler Weinfestumzug, Tageswanderungen, auswärtige Kirmes- und Weinfestbesuche, die große Jubiläumsfeier 1955, Busfahrten nach Luxemburg, Österreich, Italien und in die Schweiz. 1957 riefen die Turner in ihrem Vereinslokal „Zur Post“ eine Wanderabteilung ins Leben, die – mit einigen Unterbrechungen – noch bis in die 1990-er Jahre bestand.

 

Josef Kopp schrieb ein Loblied auf den regen 1. Vorsitzenden Michael Utzig. Darin heißt es unter anderem: „Ihm ist es zu verdanken, dass der Verein auf seiner jetzigen stolzen Höhe steht.“ An anderer Stelle wird die Zeit bis 1960 als „Glanzperiode“ des Turnvereins bezeichnet. 1960 kandidierte Michael Utzig aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr für den Vereinsvorsitz. 

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Drei der führenden Männer des Martinsthaler Turnvereins im Jahr 1958: (v.l.n.r.) 2. Vorsitzender Josef Kopp, 1. Vorsitzender Michael Utzig, Kassen- und Wanderwart Jakob Schnorrenberger.

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Die jungen Martinsthaler Turnerinnen präsentierten 1950 die „Mädchenpyramide“.

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Vorsitzender Michael Utzig mit seinen Turnerinnen und Turnern beim Elternabend 1953.

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Tischtennisspieler 1991: Volker Spohr, Stefan Knauer, Frank Faust, Roy Wörsdörfer.

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Walter Ulbrich und Michaela König-Haas ehrten 2008 Wilhelm Lauterfeld (Mitte) für 60jährige Mitgliedschaft, Helgard Böhm (2.v.r) für 30jährige und Margarete Waldstein (2.v.l.) für 20jährige Mitgliedschaft.

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Der Vorstand 2011(v.l.n.r): Eva-Maria Kunkel (Schriftführerin), Miriam Kosche (2. Vorsitzende), Driss Kadar (Beisitzer), Claudia Egermann (1. Vorsitzende), Betti Herth (Beisitzerin), Roswitha Spohr (Kassiererin).

Im selben Jahr wurde dem Verein der Turnraum in der Schule gekündigt, weil diese nach Einstellung des Schulbetriebs anderweitig vermietet wurde. Drei Mal musste der Turnraum in den Folgejahren gewechselt werden, bis die Turner wieder in die alte Schule zurückkehren konnten, wo sie seit 1987 über eine eigene Etage verfügen.

Adam Meth, der 1960 als Nachfolger von Michael Utzig gewählt worden war, konnte damals einen starken Mitgliederschwund nicht verhindern. Unter dem Vorsitz von Jakob Schnorrenberger ging es ab 1963 wieder aufwärts. 23 Jahre war er 1. Vorsitzender und schon in den Jahren davor und danach war er mit umfangreichen Aufgaben im Vorstand und im Turnbetrieb betraut.

 

Die Turnübungen für Erwachsene und Kinder wurden zunehmend durch die Leichtathletik ergänzt und so tauchen bei Turnfesten mit leichtathletischen Wettkämpfen in der Region seit den 1950-er Jahren immer wieder auch die Namen erfolgreicher Martinsthaler Turnerinnen und Turner auf. Auch die Teilnahme am Bergturnfest in Rauenthal war für die Vereinsmitglieder jahrzehntelang selbstverständlich. In den 1990-er Jahren hatte der Verein zudem eine Tischtennis-Mannschaft aufgebaut, die sich in Wettkämpfen erfolgreich schlug.

 

Die Vorsitzenden der vergangenen 25 Jahre waren Ernst Böhm, Roswitha Spohr, Ingrid Schott und Walter Ulbrich. Sie alle setzten sich dafür ein, das Vereinsleben zu erhalten und zugleich neue Akzente zu setzen. Langjährige Mitglieder ehrt der Vereinsvorstand jährlich bei der Adventsfeier. 2008 ehrten der Vorsitzende Walter Ulbrich und seine Stellvertreterin Michaela König-Haas ein Mitglied für 60 Jahre Treue zum Verein: Wilhelm Lauterfeld. Er war jahrzehntelang aktiver Turner und 30 Jahre im Vorstand tätig.

 

In den letzten Jahren wurde es zunehmend schwieriger, Übungsleiterinnen und Übungsleiter zu finden und die Vorstandspositionen zu besetzen. Im Februar 2011 wurde deshalb per Satzungsänderung die Wahlperiode des Vorstands von drei auf zwei Jahre verkürzt, so dass nach kurzem, zähem Ringen ein komplett neuer Vorstand gewählt werden konnte.

Im Jubiläumsjahr besteht der Vorstand aus der 1. Vorsitzenden Claudia Egermann, der 2. Vorsitzenden Miriam Kosche, Kassiererin Roswitha Spohr, Schriftführerin Eva-Maria Kunkel, den Beisitzern Betti Herth und Driss Kaddar. Der Verein hat 130 Mitglieder und kann derzeit wieder zwölf Kurse anbieten. Dazu gehören die langjährigen Klassiker wie Kinderturnen, Eltern-Kind-Turnen, Frauengymnastik und Muskelaufbau, aber auch die Wiederbelebung der Tischtennis-Aktivitäten in zwei offenen Gruppen für Kinder, Jugendliche und Erwachsene und ganz neu Ju-Jutsu-Kampfsporttrainig.

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